Richard Powers "Das Echo der Erinnerung" - vom 29.12.2006

Wie definiert man des eigene Ich, die eigenen Realität neu, wenn diesen die gewohnten Maßstäbe und Angelpunkte entzogen werden? Ausgelöst wird eben diese Erschütterung des Lebens durch eine Hirnkrankheit namens Capgras, die den Automechaniker Mark am Anfang von Richard Powers’ neuem Roman befällt. Nach einem Autounfall verliert er all seine emotionale Erinnerung an sein Umfeld – sein Kopf kennt die Menschen um ihn herum, doch die Bindungen, die er ihnen gegenüber empfinden sollte, sind verloren. Und damit muss nicht nur er seine Rolle im Leben neu definieren.
Richard Powers’ Leidenschaft sind die Naturwissenschaften. Alle seine neun Romane behandeln Sachthemen und auch in „Das Echo der Erinnerung“ macht er dort keine Ausnahme. Jedoch will er die nüchterne Perspektive des reinen Wissenschaftlers vermeiden: „dass der Leser diesen Mann und seine Zerrissenheit nicht klinisch aus großer Distanz sieht, sondern daran teilhat, wie Mark sich die Welt zusammensetzt.“.
Auf einer völlig geraden Landstrasse baut Mark mit seinem Pick einen Unfall. Der Wagen landet auf dem Dach zwischen zwei anderen Fahrzeugen und der Leser fragt sich, was vorgefallen sein mag. Doch da der Roman sich auf den Hauptdarsteller und seine Wahrnehmung konzentriert, wird dies nicht beantwortet – das nächste, was wir erleben, ist der Verunglückte, der aus dem Koma erwacht. Er hat vergessen, was mit ihm passiert ist – und noch mehr. Die vertrauten Menschen um ihn herum sind plötzlich wie verwandelt in seinen Augen – er weiß, in welcher Beziehung er zu ihnen steht, doch ebenjene Beziehung, jene Bindung ist in seinem Inneren verloren gegangen – er leidet unter Capgras, die neurologische Krankheit, deren Auswirkungen das Buch dominieren.
Da ist zum Beispiel Karin, Marks Schwester, die ihr Leben und ihren Beruf aufgegeben hat, um Mark in der Kleinstadt Kearney zur Hilfe zu eilen. „Ich bin die gute Schwester für meinen schlimmen Bruder,“ so definiert Powers die Art, wie Karin sich selbst sieht. Doch für Mark ist Karin emotional eine Fremde und da sie ihre selbstauferlegte Rolle nicht erfüllen kann, muss sie sich neu orientieren, eine andere Rolle für sich finden. Sie muss ebenso eine vollkommen neue, von der Vergangenheit unbelastete Freundschaft zu ihrem Bruder aufbauen, wie sich zwischen zwei Männern entscheiden, wobei der eine der Kranich-Schützer ist, den sie immer unterstützt hat, und der andere Immobilienmakler, dem sie erliegt, der jedoch durch seine Bauvorhaben eben jenes Tierschutzprojekt – ihre bisherige Überzeugung – gefährdet.
Auch die Grundfesten des Neurologen Gerald Weber werden durch seine Begegnung mit Mark erschüttert – er erkennt zwischen sich und seinem Patienten die Parallele, dass die Welt sie beide anders sieht als sie sich selbst. So ist Mark nach außen hin geistig gesund, ist ihm aber seine tägliche Welt komplett fremd geworden, auch wenn er sich im Kopf daran erinnert. Weber hat den Ruf, die Krankheiten seiner Patienten wie in einem Kuriositätenkabinett vor anderen vorzuführen, sieht sich selbst jedoch als mitfühlenden Mediziner. Eine neue Liebe reißt ihn dann vollkommen aus den Fugen.
Richard Powers „Das Echo der Erinnerung“ ist eine einfühlsame und durchaus hoffnungsvolle Studie über das, was eine Person ausmacht und wie man sich selbst definieren und wieder finden kann, wenn einem die bekannten Muster genommen werden, auf die man sich und seine Persönlichkeit stützt.
Quelle: hr-online.de
Autor: KF